Engel

Da war sie also. Meine Schwester. Das Mädchen, welches immer meine Welt bedeutete, und die nun eine Frau war. Bildschön. Schon als sie schwanger mit den Zwillingen war, ihren Körper und ihr Erscheinungsbild gehasst hatte, war sie eins der bezauberndsten Wesen, die ich kannte. Aber jetzt wirkte sie noch reifer, erwachsener.

Lächelnd blickte sie Vanessa und mir entgegen. „Versteckst du dich?“, fragte sie mit ihrer engelsgleichen Stimme. Einer meiner Mundwinkel verselbständigte sich, verzog sich leicht nach oben zu einem schiefen Grinsen. „Als ob man sich in diesem Irrenhaus tatsächlich verstecken könnte“, sagte ich. Vanessa begann zu kichern und ich neigte meinen Kopf zur Seite, um sie anzusehen. „Was gibt es da zu lachen, kleine Motte?“ Ihre großen Kulleraugen fixierten mich, kleine Kinderhände umfassten meinen Kiefer. „Du kitzelst, Onkel Deac“, war ihre piepsige Antwort.

„Du siehst aus wie ein Bär!“, stellte April fest, noch bevor ich Vanessa antworten konnte. „Vielleicht bin ich das auch, und nur hier, um kleine, freche Motten zu essen“, brummte ich mit tiefer Stimme. Quiekend sprang Vanessa auf. Ihre Augen funkelten angriffslustig, bereit sich von mir fangen zu lassen.

Gemächlich erhob ich mich und die kleine Maus machte einen Schritt zurück. Langsam glitt ihr Blick an mir nach oben, bis sie bei meinem Gesicht ankam. Ihre Augen weiteten sich noch mehr, falls das möglich war.

Vor ihr stand ein Berg – was hätte das kleine Mädchen gegen mich schon ausrichten können. Ich grinste wissend, woraufhin sich ihr geschockter Ausdruck im Gesicht veränderte.

„Ägere sie nicht!“, ermahnte mich April. „Kaum hier, schüchterst du auch schon meine Tochter ein.“

„Als ob! Sieh sie dir an. Angst hat sie nicht. Im Gegenteil – sie überlegt, wie sie mich in die Knie zwingen kann.“ Prompt breitete sich ein diabolisches Grinsen auf Vanessas Lippen aus. Wie ihre Mom. Die beiden konnten es nicht leugnen. Definitiv stammte die eine von der anderen ab.

„Hast du ihn gefunden?“, polterte mein Schwager ins Zimmer, hielt kurz inne um mich zu mustern, und kam dann auf mich zu. Zac umarmte mich freundschaftlich und ich erwiderte es, wobei ich Aprils Reaktion genau beobachtete. Ihr Gesicht hellte sich noch mehr auf. Sie liebte die Freundschaft zwischen ihrem Mann und mir.

Wenn man bedachte, dass ich ihn ganz am Anfang ihrer Beziehung umbringen wollte, und man es jetzt sieht, dann konnte sie sich wirklich darüber freuen. Ich war nun mal ihr Bruder, demzufolge musste ich auf sie aufpassen. Pech für ihn. Aber es ging ja alles gut aus – mit wahnsinnig vielen Höhen und Tiefen.

 

 

©J.M.Ash

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