Annie

Am Morgen danach, nachdem sich alle darüber ausließen wie froh sie doch waren, dass ich zurück war, wachte ich in meinem alten Bett auf und hatte einen mordsmäßigen Kater. Kaum in Nashville, schon verfiel ich in alte Muster. Dabei hatte ich in den letzten drei Jahren wirklich viel geändert. Ich trank kaum noch etwas, und wenn dann nur soviel um nicht mit so einem Schädel aufzuwachen wie jetzt.

Zo … sie war Schuld daran. Ich schob meinen Zustand einfach ihr in die Schuhe. Wäre sie nicht aufgetaucht, hätte nicht versucht mit mir zu reden, geschweige denn mir nahe zu sein, würde ich jetzt nicht hier liegen und darüber nachdenken, wann der nächste Flug zurück ging. Ich wollte nur noch weg.

Mit schmerzendem Kopf stand ich auf und schlich nach unten in die Küche. Keiner war da. Alle rannten garantiert irgendwo im Garten herum um den heutigen Hochzeitstag meiner Eltern vorzubereiten. Eigentlich hätte ich wissen müssen, das diese Tage hier sehr feuchtfröhlich werden würden. Nur hatte ich Zoey nicht mit eingerechnet.

Ja, ich hatte in den vergangenen Jahren daran gearbeitet, sie einfach zu vergessen, was gar nicht so leicht erschien. Früher wollte ich nie den Leuten glauben, dass die erste Liebe sich ins Gedächtnis einbrannte, aber das tat sie und ich hasste sie dafür. Welcher dämliche Idiot hatte sich diesen Mist einfallen lassen? Eigentlich gehörte derjenige bestraft.

Ich nahm mir zwei Aspirin aus dem Schub und füllte ein Glas mit Wasser. Beides nahm ich zu mir und hoffte inständig, man würde Erbarmen mit mir haben.

„Guten Morgen.“ Da war sie wieder. Warum zum Teufel war sie hier? Und dann noch zu so unmoralisch früher Stunde? Hatte sie nichts besseres zu tun, als sich schon wieder in mein Leben zu schleichen? Ich drehte mich zu ihr um und sah sie finster an. Sie sollte sich bloß keine Hoffnungen machen.

Zo war im Begriff etwas zu sagen, als mein Handy klingelte. Ich zog es aus meiner Hose, die ich scheinbar gestern noch nicht einmal mehr schaffte auszuziehen, und sah aufs Display. Annie. Ich atmete tief ein und nahm das Gespräch an.

„Hey Süße“, begrüßte ich meine Frau – von der bis heute niemand wusste.

„Honey. Du hörst dich nach einer durchzechten Nacht an. War das Begrüßungskomitee erbarmungslos?“ Im Gegensatz zu meiner Familie, wusste Annie von jedem hier, selbst von Zoey.

„Kann man so sagen, ja.“ Ich konnte hören wie sie leise lachte, es aber versuchte zu vertuschen. „Lach du nur“, brummte ich. „Wenn du wieder Zuhause bist, pflege ich dich gesund.“ Grinsend stellte ich mir ihre Pflege vor und freute mich schon jetzt darauf.

Annie lernte ich vier Monate nachdem ich in Boise ankam kennen. Sie war jedes Wochenende mit ihren Mädels in der Bar in der ich arbeitete – wenn ich nicht gerade auf der Bühne stand. Ich hatte ja gesagt, ich sei kein Rockstar, nur ein Musiker der nach Lust und Laune spielte. Irgendwann kamen wir ins Gespräch, trafen uns zum Kaffee, und lernten uns kennen. Mein erstes Mal. Im wahrsten Sinne des Wortes. So einen Verlauf hatte ich bisher nie. Es dauerte knapp zwei weitere Monate bevor wir uns näher kamen, und nochmal ein halbes Jahr bis wir zusammenzogen. Vor einem dreiviertel Jahr hatte ich Nägel mit Köpfen gemacht und sie geheiratet. Spontan, versteht sich. Pläne gingen bei mir sowieso nie auf. Aber bisher bereute ich es nicht.

„Süße, ich habe gerade nicht so viel Zeit. Kann ich dich später anrufen?“ Ich füllte mich irgendwie nicht wohl dabei, vor Zo mit meiner Frau zu sprechen. „Klar. Melde dich, wenn du Zeit hast“, kam es verständnisvoll von ihr. Wieder grinste ich dämlich, weil sie einfach perfekt war. „Deacon?“

„Mmh?“

„Sag es ihnen endlich“, verlangte sie. Es war nicht das erste Mal, das sie mir das sagte, und allmählich war ich es leid, aber sie hatte recht: Ich musste es meiner Familie sagen.

 

 

© J.M.Ash

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s