„Die Stalkerin in meiner Küche …“

Keine Ahnung, wie oft ich Micah nun schon zugesehen habe. Das erste Mal habe ich ihn in meiner Stammbar spielen hören, danach war ich bei jedem Auftritt. Eines Abends bin ich ihm gefolgt und stellte mir die Frage: Wo lebt er? Wie lebt er? Hat er eine Freundin? Ist er vielleicht Single? Vielleicht hätte ich sogar Chancen? Aber das Wichtigste, ich wollte ihm unbedingt sagen wie toll er auf der Bühne ist. Heute weiß ich, dass er in einem Hotel wohnt. Natürlich habe ich mich ein bisschen schlau gemacht und dabei erfahren, dass er dort wohnt. In einem Hotel. Wer kann das von sich behaupten? Jetzt stehe ich hier in der Lobby und da ist er. Groß, gutaussehend, einfach ein Traum. Mehrmals atme ich tief durch und spreche ihn sehr unoriginell an. „Hey Micah …“

„Hallo … Kennen wir uns? Miss … ?“

„Ähm … Nein … also noch nicht.“ Aufgeregt und etwas zittrig strecke ich ihm meine Hand entgegen. „Ich bin Janine.“

„Janine“, wiederholt er und es klingt fantastisch aus seinem Mund. Er greift nach meiner Hand, wirkt dabei etwas unbeholfen und ich sehe ihm an, das es in seinem Kopf arbeitet. Es wäre unhöflich, wenn er meinen Gruß nicht erwidert und das weiß er. „Freut mich“, sagt er und ich habe das Gefühl, das er das nicht ernst meint. Es scheint, als hätte er weder Lust noch Zeit, sich mit mir zu befassen. „Wie kann ich dir helfen?“

„Klingt es bescheuert, wenn ich dich nach einem Autogramm frage? Ich habe dich gesehen … oder besser gehört. Du bist toll“, plappere ich darauf los. Sein Blick wirkt irritiert, als hätte ihn noch nie jemand nach einem Autogramm gefragt. Das kann ich mir kaum vorstellen. „Danke. Freut mich zu hören. Hast du was, das ich unterschreiben kann dabei?“ Schnell krame ich einen kleinen Notizblock aus meiner Tasche und einen Stift. Strahlend reiche ich es ihm und bedanke mich. „Für Jasmin?“ Autsch! Nicht gerade nett von ihm. „Janine“, nenne ich ihm meinen Namen erneut.

„Ja, richtig. Janine.“ Unruhig wandert sein Blick zur Küchentür, bevor er den Block aufschlägt und schreibt. Er reicht ihn mir zurück. „War’s das?“, kommt es unhöflich von ihm. Es enttäuscht mich sehr, dass er so kurz angebunden ist, aber ich lasse nicht locker. „Hast du vielleicht Zeit? Wir könnten etwas trinken.“

„Tut mir leid, ich muss in die Küche.“

„Oh … kann ich mitkommen?“

„Nein, das geht nicht. Da gibt es HygieneVorschriften, die das verbieten. War nett mit dir zu reden, aber ich muss wirklich gehen“, erwidert er und geht schnellen Schrittes zur Küche. Für einen Moment starre ich ihm nur nach. Es war doch nur eine Frage, muss er da so unhöflich sein?! Rufend laufe ich hinterher. „Micah, warte doch.“ Ich weiß, dass er mich hört, aber er ignoriert mich einfach. Die Tür fällt hinter ihm zu, aber ich lasse mich nicht einfach so abspeisen. Ich klopfe an die Tür und öffne sie einfach, ohne seine Reaktion abzuwarten. „Wie unhöflich. Hat man dir das so beigebracht, die Leute zu ignorieren?“, meckere ich sofort los.

„Unhöflich? Ich habe mich verabschiedet und jetzt muss ich arbeiten und du musst gehen. Das ist nur für Angestellte.“

„Papperlappap … du hast mich stehen lassen. Dabei wollte ich nur ein bisschen mit dir reden. Geht man so mit Fans um? Und überhaupt, wieso arbeitest du hier? Du hast eine Band, ist das nicht dein Beruf?“, schnattere ich mal wieder darauf los. Er seufzt.

„Das ist das Hotel meiner Familie, darum arbeite ich gelegentlich hier. Eigentlich bin ich natürlich Musiker“, entgegnet er mir.

„Eigentlich? Wie sich das anhört!“, sage ich und schiebe mich an ihm vorbei in die Küche und sehe mich um. „Arbeitest du hier in der Küche? Bist du Koch? Ich kann dir helfen“, schlage ich vor und greife nach den Tomaten.

„Himmel! Nein! Nimm die Finger von den Tomaten. Die soll meine Freundin“, er betont dieses eine Wort extra, zuckt dabei aber erschrocken zusammen, „noch essen.“ Ich lasse die Tomaten fallen, als hätte ich mich daran verbrannt. „Freundin? Du … du hast … eine Freundin? Oh toll.“ Ich setze ein falsches Lächeln auf. Wie schade. „Ist sie auch Musikerin?“

„Ich weiß zwar nicht, was es dich angeht, aber …“, erklärt er und wirkt abgelenkt, gedanklich weggetreten, und schneidet sich deshalb in den Finger. „Verdammt!“, flucht er und steckt sich den Finger in den Mund, wodurch er nuschelt: „Ja, sie ist Musikerin.“

„Oh je … zeig mal her“, reagiere ich und greife nach seiner Hand um mir die Verletzung anzusehen. „Habt ihr hier Pflaster? Damit kannst du so nicht in der Küche arbeiten.“

„Das weiß ich auch“, knurrt er ungehalten. „Dort drüben.“ Er deutet in die Richtung, wo ich den erste Hilfe Kasten finde, aber zuerst gebe ich ihm ein Tuch, das ich auf seine Wunder drücke. „Halt das. Was macht deine Freundin für Musik?“, frage ich und hole, was ich brauche um seine Wunde zu versorgen. „Danke. Sienna ist Countrymusikerin.“

„Oh, ich mag Country“, erzähle ich und mustere ihn dann. „Sagtest du Sienna? Die Sienna?“

„Die Sienna?“

„Na, Sienna McCoy?“

„Ja, das ist sie. Du kennst sie?“

„Ja … Nein … naja. Ich habe sie einmal getroffen, nur kurz, sie schien sehr gestresst. Aber ihre Musik ist toll“, plappere ich nebenher.

„Danke. Das hört sie sicher gerne. Du kannst trotzdem nicht hier in der Küche sein.“

„Du kannst aber so kein Essen machen. Also brauchst du wohl Hilfe. Was soll ich tun?“

„In Gottes Namen, dann wasch dir die Hände, wenn du unbedingt willst. Dann kannst du die Tomaten in Stücke schneiden.“

„Wunderbar“, strahle ich und gehe schnell an die Spüle um mir die Hände zu waschen. „Erzähl doch mal. Was hat es mit dem Hotel auf sich?“ Schneide die Tomaten.

„Meine Großmutter hat es mir und meinen Brüdern vererbt“, sagt er knapp.

„Cool. Ist bestimmt viel Arbeit.“

„Ja, es hält mich davon ab, Musik zu machen.“

„Höre ich da etwa ein Murren?“, stichle ich etwas.

„Wäre es dir nicht auch lieber, ich würde öfter auf der Bühne stehen?“, erwidert er.

„Natürlich wäre das toll. Aber wenn du hier bist, scheint das andere ja nicht so toll zu sein, oder wie läuft das? Montag bis Freitag Hotel, Samstag und Sonntag Musik?“, kontere ich.

„Solltest du als mein Fan nicht wissen, wann ich auftrete?“, fragt er.

„Ich weiß, wann du auftrittst. Das diente als Beispiel. Solltest du als Musiker nicht mit Beispielen und Metaphern umgehen können?“, schieße ich erneut und er seufzt. Ich lächle unschuldig. Einen Moment liefern wir uns ein kleines Blickduell. Bis wir beide anfangen zu grinsen. „Jetzt komm, lass dir helfen. Sag mir einfach, was ich machen soll“, versuche ich es erneut.

„In Ordnung. Das wird Bruschetta. Ich schätze, du weißt wie man so etwas macht. Vielleicht sogar besser als ich.“ Ich nicke bestätigend und fange an das Bruschetta zuzubereiten. „Was heißt denn sogar besser als du? Bist du chauvinistisch veranlagt?“, necke ich ihn, aber er ignoriert es.

„Was hältst du von Sienna?“, will er stattdessen wissen.

„Sienna ist toll, denke ich. Es ist schwer jemanden einzuschätzen, den man nur von der Bühne kennt. Ihr Musiker habt irgendwie immer zwei Gesichter. Das professionelle und das private.“ Er nickt zustimmend.

„Das haben wir, um uns zu schützen. Wenn wir uns immer zeigen würden, wie wir sind, wären wir angreifbar. Unter Musikern fällt das weg. Sienna kennt mein wahres Ich und ich denke, ich kenne ihres“, erklärt er und diesmal nicke ich, weil ich es durchaus verstehen kann. Dennoch frage ich: „Aber meinst du nicht, das man gerade als Musiker gegenüber seinen Fans ein bisschen mehr man selbst sein sollte?“ Schneide die Toastscheiben und füge hinzu: „Ich für meinen Teil bin mir immer sehr unsicher, ob man euch überhaupt ansprechen darf. Wenn man deine Reaktion von vorhin bedenkt …“ Den Rest kann er sich wohl denken, denn er war schließlich dabei.

„Das ist ein interessanter Punkt“, gibt er zu und lässt sich auf einen Stuhl plumpsen. „Doch ist es immer unangenehm wenn man auch nur einmal mehr von sich gibt und am nächsten Tag zerreißt sich jeder das Maul über dich. Ansprechen dürft ihr uns gerne, aber erwartet bitte nicht zu viel von uns. Ihr vergesst leider oft, dass ihr zwar alles über uns wisst, und quasi kennt, während wir euch noch nie gesehen haben.“

„Ja schon, aber das kann man ja ändern. Es ist ja nicht so, dass nur wir euch ausquetschen. Ihr dürft ja genauso Fragen stellen“, sage ich und würze das Bruschetta. „Manchmal glaube ich, dass wir Fans mehr Interesse an euch, als ihr an uns habt“, werfe ich ihm ehrlich an den Kopf.

„Schuldig im Sinne der Anklage. Das ist wohl so. Wir meinen es nicht böse, das nicht. Wir mögen und wir brauchen euch. Ich bin jetzt ehrlich, ich weiß nie, welche Frage ich stellen soll. Meistens stehen wir doch nur ein einziges Mal voreinander“, verteidigt er sich. Es enttäuscht mich, das er so denkt. Viele Fans sind meist überall dort, wo ihre Stars gerade auftreten oder zu sehen sind. Manche reisen quer durchs Land, nur um ihre Idole zu sehen. „Genau das ist doch das Problem. Ihr, ob du oder Sienna, wisst gar nicht wie viele treue Fans ihr habt. Warum widmet ihr euch nicht denen?“, frage ich etwas barsch. Wie selbstverständlich und ohne groß zu überlegen, habe ich sein Bruschetta fertig gemacht. „So ein Treffen unter Fans und Stars würde eurem Ruf nicht schaden, sondern zeigen, dass ihr auch nur Menschen seid“, erkläre ich und sehe ihn verlegen an. Das war bestimmt zu viel des Guten. „Entschuldige … ich plappere zu oft darauf los.“ Er begegnet meinem Blick, öffnet den Mund, bereit etwas zu sagen, schließt ihn aber wieder und scheint darüber nachzudenken. „Nein, du hast ja recht. Wenn ich mit Sienna fester zusammen bin, werde ich ihr das einmal vorschlagen. So ein Fantreffen“, sagt er letztendlich und ich lächle zufrieden.

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