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„Würdest du bitte aufhören, mich zum Lachen zu bringen!?“, kichere ich. Sully grinst mich spitzbübisch an. Er ist unmöglich.
„Warum sollte ich? Du weißt doch, dass es mir gefällt, wenn du lachst“, erklärt er, als wäre nichts dabei, wenn eine erwachsene Frau kichernd mit sich selbst spricht.
Jetzt stellt sich wohl jeder die Frage, was in mich gefahren ist. Wahrscheinlich muss ich dafür etwas weiter ausholen. Gleich vorweg: ich bin nicht verrückt und auch nicht aus einer Psychiatrie entflohen.
Vielleicht kennt der eine oder andere das auch. Als kleines Kind war ich viel allein, weil meine Eltern die meiste Zeit arbeiten waren. Ich hatte zwar eine Nanny, aber das ist nicht das gleiche wie Freunde zu haben, die ich aber leider nicht hatte. Somit entstand irgendwann Sully. Mein imaginärer Freund.
Wir haben gemeinsam gespielt, Gespräche geführt und ich fühlte mich nicht mehr so sehr allein. Er existierte nur in meinem Kopf, auch wenn ich tatsächlich mit ihm gesprochen habe. Meine Eltern schickten mich irgendwann zu einer Therapeutin, die es aber als vollkommen normal ansah, dass ein einsames Kind sich Freunde einbildete. Einen Vertrauten.
Nun ist es aber so, dass mein Freund mit mir gewachsen ist. Sully ist mit mir älter geworden, größer und reifer. Er ist nie verschwunden. Im Gegenteil: er ist für mich sogar sichtbar geworden. Okay, jetzt hört sich das doch etwas verrückt an, aber das ist es nicht. Na gut, vielleicht ein kleines bisschen.
Als ich sechzehn wurde, hatte ich meinen ersten Freund. Wie genau das zu Stande kam, kann ich mir heute auch nicht mehr erklären. Es war auch nicht von Dauer, denn Sully funkte dazwischen.
Ich brachte meinen Freund zum ersten Mal mit nach Hause, wollte ihn meinen Eltern vorstellen, aber die waren wie immer nicht da – dafür aber Sully. Er stand einfach in meinem Zimmer. Groß, mit breiten Schultern und den schwarzen Haaren, schlank, und seinen stechend grünen Augen. Ich starrte ihn so schockiert an und war regelrecht zur Salzsäule erstarrt, dass mein Freund dachte, ich wäre komplett verrückt geworden.
An dem Morgen meines Geburtstags wünschte ich mir, Sully wäre nur für mich lebendig. Scheinbar erlaubte das Universum sich einen miesen Streich mit mir. Oder ich wurde doch verrückt. Doch ab diesem Tag war Sully immer bei mir. Er war nicht mehr nur in meinem Kopf – er war lebendig. Nur konnte ihn niemand sehen – außer ich.
„Sully, das ist nicht lustig. Die Leute schauen schon ganz komisch“, flüstere ich. Er sieht sich um und nickt bestätigend.
„Stimmt! Sie starren dich an, Sara.“ Spaßvogel … Manchmal möchte ich ihm eine Pfanne über den Kopf schlagen.
„Ich werde nie wieder mit dir zusammen in die Stadt gehen“, entscheide ich. Sully sieht mich entsetzt an, greift sich an die Brust, dort wo sein Herz schlägt und seufzt theatralisch auf.
„Du brichst mir das Herz, Sonnenschein.“
„Du bist bescheuert“, schimpfe ich leise und sehe mich verstohlen um. Ich bin jetzt achtundzwanzig Jahre alt und rede immer noch mit meinem imaginären Freund. Schlimmer noch: ich sehe meinen imaginären Freund. Meinen wirklich gutaussehenden imaginären Freund. Warum ist das Universum so ungerecht zu mir?

 

 

J. M. Ash

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